GPL & WordPress – Teil 2: Wie WordPress zur GPL-Plattform wurde

Dies ist Teil 2 einer 10-teiligen Lese-Reihe über WordPress, GPL, AGB-Konflikte und freien Code. ← Zurück zu Teil 1

Die Geburtsstunde: b2/cafelog und Matt Mullenweg

WordPress entstand 2003 aus dem Fork eines GPL-lizenzierten Blogsystems namens b2/cafelog. Matt Mullenweg und Mike Little übernahmen den verwaisten Code und entwickelten ihn weiter – und weil b2 unter der GPL stand, war auch WordPress automatisch GPL-pflichtig. Die Lizenzwahl war kein ideologisches Statement, sondern eine rechtliche Konsequenz.

Doch was als Notwendigkeit begann, wurde zur Philosophie. Matt Mullenweg und Automattic haben die GPL seither aktiv verteidigt und ausgebaut – nicht zuletzt durch juristische Auseinandersetzungen mit Entwicklern, die versuchten, WordPress-Code unter restriktiveren Lizenzen zu vertreiben.

Die WordPress Foundation und ihr Lizenzdiktat

Die WordPress Foundation ist die gemeinnützige Organisation hinter WordPress. Sie verwaltet das WordPress-Projekt, die Markenrechte und – entscheidend – die Lizenzpolitik. Wer Themes oder Plugins im offiziellen WordPress.org-Verzeichnis veröffentlichen möchte, muss seine gesamte Software zu 100 % unter der GPL lizenzieren.

Diese Anforderung klingt selbstverständlich, ist aber in der Praxis weitreichend: Selbst kommerzielle Anbieter außerhalb von WordPress.org unterliegen nach der Rechtsauffassung der Foundation der GPL, wenn ihr Code auf WordPress-Funktionen aufbaut – also praktisch immer.

Der „Themes sind GPL”-Streit von 2009

2009 eskalierte der erste große Lizenzkonflikt im WordPress-Ökosystem: Matt Mullenweg und die Software Freedom Law Center (SFLS) vertraten die Position, dass WordPress-Themes vollständig unter der GPL stehen, weil sie durch PHP-Funktionen wie get_template_part() oder Hook-Systeme eng mit dem WordPress-Core verknüpft sind und damit als „abgeleitete Werke” (Derivative Works) gelten.

Premium-Theme-Anbieter sahen das naturgemäß anders: Sie hatten teilweise jahrelang in ihre Designs investiert und wollten diese nicht zwingend offen legen müssen. Der Streit mündete in einer faktischen Branchenregel, dem sogenannten „Split-License”-Modell: PHP-Code unter GPL, CSS/HTML/Assets unter eigener Lizenz. Mehr dazu in Teil 5 und 6 dieser Reihe.

Automattic als kommerzieller GPL-Akteur

Automattic – das Unternehmen hinter WordPress.com, WooCommerce und Jetpack – zeigt eindrücklich, dass GPL und Kommerz kein Widerspruch sein müssen. Automattic verdient Milliarden mit GPL-lizenzierter Software: durch Hosting, Support, Premium-Features und Markenrechte. Der Code bleibt frei, das Geschäftsmodell nicht. Dieses Modell ist sowohl Vorbild als auch Streitpunkt – denn es wirft die Frage auf, ob „freier Code” wirklich allen nutzt oder vor allem denen, die die Infrastruktur kontrollieren.

Die historische Weichenstellung

Die Entscheidung, WordPress als GPL-Projekt zu führen, hat das gesamte Web-Ökosystem geprägt. Sie hat eine riesige Community ermöglicht, Tausende von kostenlosen Plugins hervorgebracht und technische Innovation demokratisiert. Sie hat aber auch Spannungen erzeugt, die bis heute andauern – zwischen Entwicklern, die von ihrer Arbeit leben wollen, und einer Lizenz, die Offenheit verlangt. Diese Spannung ist der rote Faden dieser gesamten Reihe.

Weiter zu Teil 3: GPL vs. kommerzielle AGBs – wenn Lizenzen kollidieren →

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